Achtung, Hochspannung! Jugendbundesligasaison #2
Juli, 2026 · By Johannes Theisen
Es gibt sie, diese Sprüche und Gerüchte, die seit Ewigkeiten in der Sportlandschaft herumgeistern. Oft weiß niemand so recht, ob sie nur so dahingesagt sind oder ob wahre Weisheit in ihnen steckt. Bei manchen ist das schnell geklärt (nehmen wir z.B. mal „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“), andere fordern immer wieder neu dazu heraus, den sie umgebenden Nebel zu lichten. Ein solches Gerücht ist das vom verflixten zweiten Jahr. Für Aufsteiger in die Fußballbundesliga etwa, sei die zweite Saison immer die schwerste. Verflogene Euphorie, steigender Erwartungsdruck, mehr Respekt seitens der anderen Mannschaften – und schon werde es sehr schwer mit dem Klassenerhalt.
Nun, für uns galt es, das zu widerlegen! Denn auch die erste U20 stand nach dem geglückten Klassenerhalt in der Saison 2024/25 diese Saison vor ihrem zweiten Jahr: Zum zweiten Mal höchste Spielklasse in der U20, zum zweiten Mal Jugendbundesliga. Mehr Respekt seitens der anderen Mannschaften? Möglich. Steigender Erwartungsdruck? Nun ja, mit seiner „Road to DVM“-Ansage hat es der Mannschaftsführer vielleicht etwas übertrieben. Aber verflogene Euphorie? Niemals! Es ging mit voller Motivation durch die Saison, vom November bis in den Juni!
In dieser Zeit folgte ein spannender Mannschaftskampf auf den nächsten – das wird deutlich, wenn man auf die Ergebnisse blickt: 2.5:3.5 gegen Porz, 2.5:3.5 gegen Münster, 4:2 gegen Brackel, 2.5:3.5 (schon wieder!) gegen Krefeld, 3:3-Sieg gegen Essen, 1.5:4.5 gegen Erkenschwick, 4.5:1.5 gegen Bielefeld. Einige kleine Geschichten sollen einen Überblick verschaffen.
Fotos vom Saisonabschlussgrillen – oben links fast komplett die aktuelle Mannschaft mit Schiedsrichter Philipp, oben rechts das Stammteam der Zukunft, das unten links schonmal für nächste Saison trainiert.
Doppelspieltag in der Jugendbundesliga – und ein Überraschungscomeback als Orang-Utan-Zähmer
Wait, what? Hat sich die Schachjugend an das Oberliga-System angepasst? Nein, keine Sorge! Und trotzdem richtig gelesen! Am Wochenende des 29./30. November spielen wir gleich doppelt. Auf Bitte unserer Münsteraner Gegner hin haben wir unseren Mannschaftskampf um mehr als zwei Monate verschoben – und das mangels alternativer Termine dann eben so gelöst. Samstag, 14 Uhr: Wir treten gegen den nominell schwächsten Starter der Liga an: Die SK Münster. Es geht gut los, am schnellsten gewinnt Max. Als er schon die Bahn zurück nach Köln nimmt, rechnet er angesichts der Situation an den übrigen Brettern mit einem 5:1-Sieg für uns. Dann stelle ich meine +5-Stellung weg, Zeno seine Dame und Michael seine Mehrbauern – das 2.5:3.5 schmeckt extrem bitter und sorgt dafür, dass der Autor seinen Frust schließlich an ziemlich unangebrachten Schimpftiraden auf die Hässlichkeit des Dortmunder Weihnachtsmarktes auslässt.
Besser wäre es gewesen, den am nächsten Tag auf dem Brett zu verarbeiten. Das gelingt zumindest mir eigentlich überhaupt nicht, bis mein Gegner in für ihn deutlich besserer Stellung ein Matt in 1 einstellt. Ein Sinnbild der Kuriosität dieses Wochenendes. Eine richtig starke Leistung zeigen zum Glück Nelson und Max – sie haben schon am Vortag gewonnen, und sie tun es in Brackel wieder. Zeno steuert einen Halben bei. Und dann kommt da noch dieser halbe Punkt von der Überraschungsnominierung des Wochenendes – Ehemalige Säule der U20, Mitarchitekt des Aufstiegs, und nun Orang-Utan-Zähmer gegen Uri Römer (Kontext: Dieser eröffnete mit 1. B4). Mark ist nochmal am Start gewesen und holt ein starkes Remis!
Drama am letzten Brett – gleich mehrmals
Mannschaftskämpfe sind etwas Schönes – man spielt nicht nur für sich, sondern zusammen mit Mannschaftskollegen und Freunden. Und das eigene Ergebnis trägt bei zu einem wichtigeren, ja größeren, Resultat. Doch manchmal kann genau das zu einer sehr leidvollen, tragischen Erfahrung werden. Wer das nicht glaubt, möge sich einmal bei Timon erkundigen. Gleich am ersten Spieltag ist sein schwieriges Springerendspiel gegen Moritz Blomer beim Stand von 2.5:2.5 die einzige Partie, die noch läuft. Er verteidigt zäh und genau, erobert den gegnerischen Randbauern. Fast scheint das Remis eingetütet, da plötzlich der Blackout – Sf4+, und damit die Abwicklung in ein verlorenes Bauernendspiel. Wir unterliegen knapp im Stadtderby. Davon muss man sich erstmal erholen. Zwei Monate später: Wir liegen gegen Krefeld mit 2:3 zurück, Timon hat an Brett 5 nach einer sauberen Partie ein Bauernendspiel auf dem Brett, bei dem der Gewinn in der Luft zu liegen scheint. Aber schon wieder diese Last, dieser Druck, erst recht nach dem, was zwei Monate zuvor passiert war: Plötzlich zieht der schwarze König nach h5, Weiß macht mit h3 zu – und auf einmal ist das Endspiel nicht mehr zu gewinnen. Wir verlieren 2.5:3.5. Tragödie Nummer 2. Doch das soll es noch nicht gewesen sein: Wiederum etwa zwei Monate spielen wir gegen Essen-Werden. Nach nur einem Mannschaftssieg in den ersten 4 Runden muss schon fast ein Sieg her, um Chancen auf den Klassenerhalt zu wahren. Kurz nach der Zeitnotphase steht es 2.5:2.5. Nelson hat kampflos gewonnen, also würde uns ein Remis in der letzten verbleibenden Partie zum Mannschaftssieg reichen. Wer spielt die? Timon. Auf dem Brett? Eine sehr knifflige Stellung. Was für ein Sadismus des Schach-Schicksals! Doch an diesem Punkt schreibt Timon diese Geschichte selbst so zuende, dass sie hier jetzt mit Happy End stehen kann. Denn nach dieser Vorgeschichte behält er die Nerven, wehrt das Spiel seines Gegners ab und hat am Ende fast noch selbst Chancen auf den Sieg. Er holt das Remis und uns damit einen unglaublich wichtigen Sieg! Unter maximalem Druck hält er so die Hoffnungen auf den Klassenerhalt am Leben – Riesengroßen Respekt dafür!
Gastfreundschaft lohnt sich!
Gastfreundschaft – seit der Antike gilt sie bis heute als wichtige und lohnende Tugend. Der KKS kann davon ein Lied singen. Sind doch nur zu oft Gäste bei uns im Vereinsheim, die den Vereinsabenden neuen Schwung mitgeben. In der Jugendbundesliga ist die Gastfreundschaft jedoch gar kein so ganz selbstloses Geschäft: Ein Verein bietet einen Platz in seinen Jugendmannschaften bei nur passiver Mitgliedschaft an, der Gastspieler steuert dafür in dieser Mannschaft seine Schachkünste bei. Diese Saison jedenfalls ist unsere erste U20 bei dem Geschäft äußerst gut weggekommen. War es schon erfreulich genug, dass sich sowohl Max als auch Kuba dazu entschieden hatten, als Gastspieler bei uns mitzuwirken, war ihre Performance umso erfreulicher und für uns eine wahre Überlebensvoraussetzung. Zusammen holten sie 5.5/7! Was Gäste gerne zum Abschluss zu hören bekommen, gilt hier umso mehr: Danke, dass ihr da wart!
FM Nelson Strehse!
Wo wir bei Überlebensvoraussetzungen sind, darf ein Name natürlich nicht fehlen: Seit Jahren eine unverzichtbare Stütze der Mannschaft, hütete Nelson diese Saison nun zum zweiten Mal in Folge unser Brett 1 – und das mit einer überragenden Ausbeute von 5.5/7 Punkten: Geschlagen nur von FM Emil Schuricht. Die Krönung seiner Saison aber spielt sich am 9. Mai ab – Zoomen wir einmal näher heran:
Es ist eine schwere Auswärtsfahrt, die da für uns ansteht. Und vor allem eine lange – 2.5 Stunden bis nach Erkenschwick, um dann da womöglich auf das berüchtigte Starensemble zu treffen, das sich dort in den letzten Jahren zusammengefunden hat. An der Spitze U16-Europameister FM Mykola Korchynskyi. Für Nelson bietet sich heute eine besondere Gelegenheit. Akribische Rechnungen vor der Abfahrt haben ergeben, dass ein Remis gegen Mykola reichen würde, um sich erstmals über die magischen 2300 zu hieven und den FM-Titel zu sichern. Einige Stunden Bahnfahren, einen Imbissstopp und einen spontanen Spiellokalwechsel später dann die Überraschung: Mykola spielt nicht, an Brett 1 sitzt Jan Vortmeier. Auch kein Problem: Der wurde dann einfach mal besiegt – und so reichte es sogar eindeutiger, als wenn es das Remis gegen Mykola gegeben hätte. Endlich der verdiente FM-Titel, zu unserer Freude klargemacht in einem U20-Mannschaftskampf. Gut, dass diese Saison die ELO-Auswertung neu eingeführt wurde!
Hitziges Gefecht, viele Ventilatoren und ein tiefes Aufatmen
21.Juni, 32 Grad im Schatten, Köln-Innenstadt: Perfekte Bedingungen für ein Endspiel sehen anders aus. Doch daran lässt sich nichts ändern – unter diesen Bedingungen geht es um alles: Klassenerhalt, oder Abstieg? Gegen den Bielefelder SK dürfte ein hitziges Gefecht anstehen. Zum Glück aber lässt sich im KKS immerhin ein erstaunlicher Haufen an Ventilatoren auffinden. Nur einer ist zu laut, die anderen fünf sorgen für angenehmen Wind. Für Wettermeldungen von den anderen Schauplätzen sorgt indes der von Staffelleiter Tobias Niesel und den vier Schiris vor Ort umgesetzte Live-Ergebnisdienst. Philipp schreibt die aktuellen Ergebnisse live auf ein Flipchart, um uns immer bestens zu informieren.
Unsere Aussichten sind nicht die besten. Mit 8 Mannschaftspunkten vorletzter, 2 MP hinter vier weiteren Mannschaften: Wir sind zum Siegen gezwungen. Was uns in die Hände spielt: Unsere Bielefelder Gegner sind schon sicher abgestiegen. Vielleicht deshalb nehmen sie die Reise nach Köln zwar in guter, aber auch nicht in bester Besetzung auf sich. Was folgt, ist an den meisten Brettern eine solide Vorstellung: Nur ich verliere mal wieder mit viel zu wenig Zeit auf der Uhr, Zeno manövriert eine erstaunliche Eröffnung seinerseits ins Remis. Timon, Max und Nelson gewinnen sehr souverän. Ben hat ein Turmendspiel mit zwei Mehrbauern, aber spannenden Pattmotiven für seine Gegnerin. Als die Pattfalle schon fast ganz zugeschnappt hat, entwischt der König ihr zum Entsetzen so mancher Zuschauer doch noch. So endet der Kampf mit einem 4.5:1.5 für uns. Schließlich sorgt der Live-Ergebnisdienst für Klarheit: Essen-Werden hat Münster besiegt, wodurch Münster in der Tabelle hinter uns rutscht. Klassenerhalt! Doch wenn man so will, kommt das Sahnehäubchen noch danach. Wir lassen sogar noch eine Mannschaft hinter uns – und das ist niemand Geringeres als der ewig überlegene Stadtrivale, vielfacher deutscher Vereinsmeister U20 und glücklicher Sieger vom direkten Duell im November: Die SG Porz! Auch wenn an der Stelle eigentlich eher Mitgefühl als Hohn angebracht ist: Wo es mit der DVM-Quali dann am Ende doch nicht geklappt hat, das kann uns keiner nehmen😉.
Schlusswort
Vielen Dank an alle, die an diesem Klassenerhalt beteiligt waren! Nelson, Zeno, Max, Timon, Ben, Mark, Kuba, Michael und Fynn! Für eure Punkte, eure Bereitschaft, nach Erkenschwick oder Münster zu fahren, eure Motivation – ob am Brett oder bei der gemeinsamen Coup-Runde beim Pizzaessen danach – und euren Einsatz. Nicht in jeder Mannschaft macht es unbedingt Spaß, die Kapitänsrolle zu übernehmen. In dieser hat es großen Spaß gemacht.
Auf viele weitere Jahre Jugendbundesliga! Das verflixte zweite Jahr ist vorüber, und der verbleibende Stamm der Mannschaft kann sich hoffentlich auf viele weitere spannende Saisons freuen. Zeno, Mark und ich müssen uns leider verabschieden, aber angesichts unserer Performance in dieser Saison dürfte das wohl gar nicht so allzu schwer wiegen 😉.
Und ich bleibe dabei: irgendwann, irgendwann wird dann auch der DVM-Traum noch wahr!
Von Johannes Theisen




