Ersatzbusse, Endspiele und eiskalte Schneebälle – Nachbericht Solinger Karnevalsopen 2026
Februar, 2026 · By Luca Klemenz
Das Solinger Karnevalsopen ist jedes Jahr eines der ersten schachlichen Highlights – und auch 2026 machte es diesem Ruf alle Ehre. Mit rund 75 Teilnehmern ist es zwar eher ein kleineres Turnier, doch die Qualität des Feldes hatte es in sich. Neben zahlreichen starken Regionalspielern waren diesmal wieder ein IM und drei FMs am Start. Turnierfavorit war der Vorjahressieger IM Tobias Jugelt, während u.a. mit Merlin Mänken und Yusuf Amini auch zwei der stärksten Jugendspieler der Region mitmischten.
Aus dem KKS-Umfeld waren insgesamt sechs Spieler vertreten. Neben Juliano Suzuki standen vor allem fünf Namen im Fokus: Jasper Langner und Luca Klemenz, die bereits vor drei Jahren Solinger Luft geschnuppert hatten, dazu Philipp Ye, Fynn Erkelenz und Jakub „Kuba“ Praszczalek.
Das Turnier selbst ist längst ikonisch. Viele vom KKS haben hier schon gespielt – und wissen, was sie erwartet. Der obere Spielraum ist berüchtigt für stickige Luft, selbst wenn draußen – wie in diesem eiskalten Winter – Minusgrade herrschen. Hinauf gelangt man über eine steile, knarzige Treppe, die schon beim Hochgehen klarmacht: Hier wird gearbeitet. Unten gibt es einen etwas großzügigeren Spielraum und natürlich den legendären Analyseraum – laut, lebendig, voller Varianten und Diskussionen. Wer den Geräuschpegel im KKS gewohnt ist, fühlt sich hier fast heimisch. Insgesamt war das Turnier aber wie immer hervorragend organisiert. Besonders einer der Turnierleiter, Marius Fränzel, sorgte mit der nötigen Entschlossenheit für Ruhe und Ordnung, wenn es mal unruhig wurde.
Eine zusätzliche Herausforderung war in diesem Jahr die Anreise. Die Strecke Köln–Solingen war komplett gesperrt, sodass wir Bekanntschaft mit diversen Ersatzverbindungen (RE7X, RE7, RB48) und Bussen machten. Gerade am ersten Spieltag war das heikel: Die erste Runde beginnt traditionell spät und geht oft bis tief in die Nacht. Selbst bei regulärem Zugverkehr ist die Heimreise schwierig – Jasper und Luca können davon aus ihrer ersten Teilnahme ein Lied singen. Diesmal war es nicht einfacher.
Die Ergebnisse und der Turnierverlauf
Fynn Erkelenz
Fynn kam am Ende auf solide 2,5 aus 5. Nicht jede Partie war schachlich makellos, aber er zeigte großen Kampfgeist – und ab und zu war Fortuna auf seiner Seite. In Runde 3 gewann er ein eher remisliches Turmendspiel durch eine taktische Wendung, die ihm den gegnerischen Turm einbrachte. Sein sehr junger Gegner war danach so enttäuscht, dass sogar Tränen flossen. Es blieb Fynns einziger Sieg, doch erwähnenswert ist vor allem seine (einzige) Niederlage in Runde 1 gegen den späteren Turniersieger FM Pawel Grabowski – eine Partie, in der Fynn lange sehr stark dagegenhielt und durchaus Eindruck hinterließ.
Jakub „Kuba“ Praszczalek
Kuba spielte ein wechselhaftes, aber kämpferisches Turnier. Gleich in Runde 1 setzte er ein Zeichen, als er gegen FM Klaus Schmitzer ein theoretisch klares Remis-Turmendspiel (3 gegen 2) frech auf Gewinn spielte. Am Ende wurde es remis, doch das Selbstbewusstsein war da. Nach eher glücklichen 1,5 Punkten am zweiten Tag kam es zur Neuauflage des Duells mit Yusuf Amini, das es erst zwei Monate zuvor in Krefeld gegeben hatte. Mit Schwarz spielte Kuba diesmal deutlich stärker und hatte sogar Gewinnchancen. Leider stellte er noch ein – und wie gewohnt wurde es emotional, sowohl bei dieser Niederlage als auch beim anschließenden Sieg in der nächsten Runde. Unterm Strich sprang dennoch ein deutliches Elo-Plus heraus.
Luca Klemenz
Für Luca fühlte sich das Turnier stellenweise wie eine Zeitreise ins Jahr 2023 an. In Runde 1 ein unnötiges Remis gegen einen nominell schwächeren Gegner – erneut konnte eine Gewinnstellung nicht verwertet werden. Danach folgte ein Sieg gegen einen talentierten Nachwuchsspieler, ehe in Runde 3 die große Enttäuschung kam: Gegen das nächste Talent, Doruk Irtes, verspielte Luca zunächst eine gute Stellung und behandelte das Endspiel anschließend äußerst unglücklich. Mit viel Glück rettete er noch ein Remis. Nach einem weiteren, teils glücklichen Sieg endete das Turnier mit einem Theorieremis gegen Philipp Ye.
Philipp Ye
Philipp spielte insgesamt ein starkes Turnier. Nach einem souveränen Auftaktsieg traf er auf Yusuf Amini – und sah hier leider kein Land. Doch es sollte seine letzte Enttäuschung bleiben. Es folgte ein technisch sauberer Sieg gegen eines der größten weiblichen Jugendtalente Deutschlands, Daria Shynkar, bei dem Philipp im Doppelturmendspiel seine Technik unter Beweis stellte. Am letzten Tag setzte er nicht nur schachlich, sondern auch modisch ein Ausrufezeichen – im Ganzkörper-Pandakostüm. In Runde 4 gelang ihm ein sehenswerter Angriffssieg mit Schwarz, ehe er das Turnier mit dem erwähnten Remis gegen Luca abschloss. Platz 11, ein Ratingpreis und endlich ein Platz auf dem begehrten Siegerfoto – ein rundum gelungenes Wochenende.
Jasper Langner
Jasper startete ambitioniert und eröffnete das Turnier mit einem souveränen Schwarzsieg im Ragozin-Stil. In Runde 2 dann ein kleiner Dämpfer: Tom Niklas Arnz wurde eigentlich sauber überspielt, doch im entscheidenden Moment unterlief Jasper in klarer Gewinnstellung ein schwacher Zug – und er bot sofort Remis an. In Runde 3 zeigte er großen Kampfgeist: Seine Partie war die letzte im Saal, und er gewann ein ungleichfarbiges Läuferendspiel nach langem Druckspiel.
Vor der Schlüsselrunde gegen Klaus Schmitzer stellte sich die Frage nach der richtigen Antwort auf 1.e4. Inspiriert von einem sizilianischen Schaffner in der Solinger S-Bahn entschied sich Jasper mutig für Sizilianisch – wurde dann aber mit 1.d4 überrascht. Dennoch erreichte er ein starkes Remis und stand phasenweise sogar etwas besser. In der Schlussrunde bekam er schließlich „seinen“ Sizilianer – wenn auch mit Weiß – gegen den talentierten Kian Koch und gewann souverän. 4 aus 5 sind ein herausragendes Ergebnis, punktgleich mit Merlin Mänken auf Platz 3. Auch Jasper erhielt einen Ratingpreis und schaffte es – wie schon 2023 – erneut aufs Solinger Siegerfoto.
Legendäre Randgeschichten
Natürlich lebt das Karnevalsopen nicht nur von den Partien.
Im Ersatzbus wurde eine ominöse „Mische“ entdeckt – Herkunft und genaue Zusammensetzung blieben unklar. Man entschied sich weise dagegen, sie zu probieren, was vermutlich die richtige Entscheidung war.
Ein gemeinsames Restaurantessen in Solingen entwickelte sich zu einem kleinen Diskussionsmarathon. Zwischen hitzigen Debatten über Eröffnungen, Turnierorganisation, Gott und die Welt ging es plötzlich um die letzte Portion Bolognese, die fast diplomatische Verhandlungen erforderte.
Mitten in einer Runde fiel einem Spieler plötzlich ein Wandbild von der Wand – ohne Fremdeinwirkung, einfach so. Der Knall sorgte für allgemeines Zusammenzucken, der Spieler selbst nahm es mit Humor.
Und als wäre das alles nicht genug, setzte auf der Rückreise heftiger Schneefall ein. Was zunächst nach logistischer Herausforderung aussah, endete in spontanen Schneeballschlachten zwischen den Teilnehmern. Am Ende kam man mit durchnässten Schuhen, kalten Fingern – aber einem breiten Grinsen zuhause an.
Insgesamt war das Solinger Karnevalsopen 2026 wieder einmal genau das, was es sein soll: sportlich anspruchsvoll, leicht chaotisch, voller Geschichten – und einfach legendär.
