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190 Euro, künstliche Intelligenz und ein wenig Wahnsinn

Juli, 2026 · By Luca Klemenz

Nun ist sie also vorüber, die Fußball-Weltmeisterschaft, und mit ihr endet auch jene traditionsreiche Nebendisziplin des KKS, die regelmäßig mindestens ebenso viele Emotionen hervorruft wie das eigentliche Geschehen auf dem Rasen: das WM-Tippspiel.

Während sich auf den Fußballplätzen der Welt schließlich Spanien zum Weltmeister krönte und mit beeindruckend konstanten Leistungen den Pokal nach Hause brachte, sorgten Nationen wie Kap Verde und Norwegen für erfreuliche Überraschungen. Andere große Favoriten (entgegen der Prognose unseres Orakelturniets leider auch Deutschland) hingegen verabschiedeten sich deutlich früher als erwartet und bestätigten einmal mehr die alte Fußballweisheit, dass Prognosen besonders schwierig sind – vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

Genau an dieser Stelle nahm auch das KKS-Tippspiel eine Wendung, die vermutlich in keiner Chronik des Vereins fehlen darf.

Schon nach wenigen Spieltagen entbrannte eine hitzige Grundsatzdebatte, die beinahe philosophische Ausmaße annahm. Die Frage lautete: Darf man beim Tippen künstliche Intelligenz verwenden?

Die eine Seite vertrat die Auffassung, eine KI sei nichts anderes als eine moderne Form der Informationsbeschaffung – ähnlich wie Wettquoten, Experteneinschätzungen oder Statistiken. Die Gegenseite sah darin hingegen einen unerlaubten Wettbewerbsvorteil.

Besonders leidenschaftlich wurde argumentiert, als der Vergleich zum Schach bemüht wurde. Dort entspreche der Einsatz einer Engine schließlich eindeutig dem Cheaten, weshalb auch KI-Tipps im Fußball in dieselbe Kategorie gehörten.

Ob dieser Vergleich tatsächlich trug, darüber wurde ausgiebig diskutiert. Fest steht lediglich, dass die Debatte eine Intensität erreichte, wie man sie sonst nur bei Abseitsentscheidungen in der Nachspielzeit erlebt. Ein Mitglied zeigte sich schließlich derart entrüstet über die Vorstellung KI-gestützter Tipps, dass es kurzerhand die WhatsApp-Gruppe und gleich das gesamte Tippspiel verließ.

Man könnte sagen: Die erste rote Karte des Turniers wurde nicht auf dem Fußballplatz verteilt. Wobei – das stimmt eigentlich nicht ganz. Schließlich gab es noch jene inzwischen legendäre Szene, als der Schiedsrichter nach minutenlangem VAR-Studium mit stoischer Miene verkündete: “Number 10, Paraguay… decision… red card.” Ein Satz, der sich schneller in die Fußballgeschichte einbrannte als so manches Traumtor. Im KKS traf die symbolische rote Karte allerdings keinen Paraguayer, sondern gleich einen Mitspieler, der sich nach der hitzigen KI-Debatte freiwillig vom Platz stellte – beziehungsweise aus der WhatsApp-Gruppe verabschiedete. Manche Diskussionen enden eben mit einem Platzverweis.

Während die Grundsatzdiskussionen also weiterliefen, wurde selbstverständlich auch fleißig getippt. Zumindest anfangs.

Mit fortschreitendem Turnier machte sich jedoch bei einigen Teilnehmern ein Phänomen bemerkbar, das Schachspieler unter dem Begriff “Tilt” bestens kennen. Nachdem mehrere sichere Tipps spektakulär danebengegangen waren, wurden Ergebnisse zunehmend nach dem Prinzip Hoffnung eingetragen. Andere wiederum stellten das Tippen gegen Ende beinahe vollständig ein – vermutlich in der berechtigten Annahme, dass sich die Tabelle auch durch beherztes Nichtstun nicht mehr entscheidend verbessern ließ.

An der Spitze entwickelte sich dagegen ein spannender Dreikampf.

Am Ende durfte Alois Römer den größten Jubel anstimmen. Ausgerechnet der bekennende KI-Jünger setzte sich gegen sämtliche Konkurrenz durch und sicherte sich souverän den ersten Platz sowie die stolze Siegprämie von 95 Euro.

Ob künstliche Intelligenz dabei tatsächlich den Ausschlag gab oder lediglich als besonders fleißiger Assistent diente, wird wohl eines jener Rätsel bleiben, die zukünftige Generationen von Historikern beschäftigen dürfen.

Den zweiten Platz belegte Luca Klemenz, der damit seinen Ruf als wahre Tippspiel-Ikone eindrucksvoll untermauerte. Nachdem bereits frühere Turniere seine außergewöhnliche Treffsicherheit erkennen ließen, bestätigte er erneut, dass Konstanz im Tippspiel mindestens ebenso wertvoll ist wie ein glücklicher Volltreffer.

Das Podium komplettierte Lucas Bracher auf Rang drei und durfte sich ebenfalls über einen Anteil am 190-Euro-Preistopf freuen.

Etwas unglücklicher verlief das Turnier hingegen für Johannes Theisen. Nach seiner furiosen Gruppenphase, in der er zeitweise scheinbar mühelos ein richtiges Ergebnis nach dem anderen vorhersagte und die Tabelle anführte, verließen ihn ausgerechnet in der entscheidenden Phase die prophetischen Kräfte. Die Spitzenplätze rückten zunehmend außer Reichweite.

So endet ein weiteres Kapitel der großen KKS-Tippgeschichte.

190 Euro wechselten ihre Besitzer. Zahlreiche Favoriten stolperten. Außenseiter begeisterten. Philosophische Grundsatzfragen über künstliche Intelligenz wurden diskutiert. Freundschaften hielten stand, WhatsApp-Gruppen hingegen nicht immer.

Und wie jedes gute Tippspiel bewies auch dieses am Ende vor allem eines:

Egal ob Bauchgefühl, Expertenmeinung, Wettquote oder künstliche Intelligenz – den Fußball interessiert das alles herzlich wenig.

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